Im Cockpit gilt: Ein Pilot hat die Rolle des «pilot flying» – also die tatsächliche fliegerische Kontrolle über das Flugzeug – und der andere die Rolle des «pilot monitoring». Dieser führt den Flugfunk und unterstützt bei der Flugdurchführung. 

Dieses Rollenverständnis ist in klaren Prozessen, den Standard Operating Procedures (SOPs), definiert. Demnach kontrolliert sich die Cockpitbesatzung gegenseitig und auch der unerfahrenste Ko- pilot sollte keine Angst haben, den erfahrenen Kapitän auf Fehler hinzuweisen. Der Kapitän hat die Führungsrolle, die Hierarchien sind aber flach und das Training so ausgelegt, dass jedes Crewmitglied animiert wird, Beobachtungen oder Zweifel sofort zu kommunizieren.

Turbulenzen auf dem Nachtflug

Wie wichtig dieses klare Rollenverständnis ist, zeigt eine Anekdote, die ich selbst als Pilotin im Cockpit erlebt habe: Wir waren nachts unterwegs über den Alpen. Der Kabinenservice war in vollem Gange, die Wetterkarten präsentierten sich unauffällig, keinerlei Anzeichen von Turbulenzen. Mit uns waren rund ein Dutzend weitere Flugzeuge auf derselben Route unterwegs. Ich erinnere mich, wie schön diese Nacht war: wolkenfrei, schneebedeckte Bergspitzen im Mondschein, friedliche Ruhe. Plötzlich gerieten wir ohne Vorwarnung in eine sogenannte Clear Air Turbulence. Diese Art von Turbulenzen ist für Piloten vorab nicht erkennbar, weil es in klarer, wolkenfreier Luft keine sichtbaren Anhaltspunkte für die Bewegung von Luftmassen gibt.

Klare Rollen, bestes Handling

In unserem Fall waren die Turbulenzen so stark, dass sich der Autopilot ausgeschaltet hat und manuell übernommen werden musste. Als Pilotin habe ich den Grundsatz «Expect the unexpected» verinnerlicht. Im Cockpit trainieren wir, Notfälle zu antizipieren und zu reagieren, deshalb waren wir sofort präsent und hochkonzentriert, um die folgenden Schritte bestens eingespielt zu absolvieren: Step 1: Aviate oder auch «fly the aircraft first». Als «pilot flying» habe ich sofort die Kontrolle über das Flugzeug übernommen und versucht, Höhe, Kurs und Geschwindigkeit zu halten.

Step 2: Navigate. Der «pilot monitoring» kümmerte sich um die Beobachtung des Luftraums.
Step 3: Communicate. Eine schnelle und klare Kommunikation ist essentiell. Der «pilot monitoring» hat die Flugsicherung informiert, damit die anderen Flugzeuge im Luftraum gewarnt werden konnten, und er hat sofort das Anschnallzeichen für die Passagiere eingeschaltet. Nach einigen Minuten wurde es ruhiger, die Lage war fliegerisch unter Kontrolle.
Step 4: Situationsanalyse. Mit Check, ob alle Systeme einwandfrei funktionieren und Cabin Crew und Passagiere wohlauf sind.

Bedeutung des Rollenbewusstseins

Gemeinsam mit der Kabinenchefin besprachen wir die Situation und erwägten auch eine Zwischenlandung. Die Einschätzung der Kabinencrew war hier von grösster Bedeutung, da nur sie die Lage in der Kabine erlebt haben und einschätzen konnten. Wir hatten grosses Glück: Obwohl die Crew am Servieren war, gab es keine Verletzten oder grössere Schäden. Wir entschieden uns zum Weiterflug und informierten die Passagiere mit einer ausführlichen Ansage.

Nach der Landung folgte als letzter Schritt das Debriefing. Als Crew diskutierten wir, was passiert war, wie wir es erlebt hatten, wie die Kommunikation wahrgenommen wurde, ob es mögliche Verbesserungen aus dieser Situation gab und ob jemand noch weitere Unterstützung brauchte.

Am Ende bleibt mir von diesem aussergewöhnlichen Flug die gute Zusammenarbeit in Cockpit und Kabine in Erinnerung. Obwohl diese Crew noch nie zusammen geflogen war, wusste jedes Crewmitglied genau um seine Rolle. Deshalb konnten wir auf diese Ausnahmesituation ideal reagieren. Trotz des Schreckens fühlten sich die Passagiere gut und sicher aufgehoben – das haben uns die positiven Rückmeldungen nach der Landung bestätigt. Und mir hat es einmal mehr gezeigt, wie wertvoll dieses klare Rollenverständnis ist: Es macht den Unterschied, wie ein Flug gelingt – mit oder ohne Notfall on board.