In ihrem letzten Beitrag hat sich Kerstin Mumenthaler
mit dem Krisenmanagement befasst. In ihrer aktuellen Kolumne geht es detaillierter um das Recovery – und warum nach der Krise immer auch vor der Krise ist.

Share your experience – dieser Satz wird in der Airline Welt tatsächlich gelebt, auch über die Unternehmensgrenzen hinaus. Beim Thema Sicherheit hört die Konkurrenz auf, und das ist auch gut so. Wir haben in der Luftfahrtindustrie wohl eine der besten Fehlerkulturen überhaupt. Unfälle, aber auch kleinere Zwischenfälle werden genauestens analysiert und bewer- tet – immer im Hinblick auf mögliches Verbesserungspotenzial. In meinen Augen ist daher eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Piloten die Kritikfähigkeit und der Antrieb, -– von sich aus -– eigene Fehler einzugestehen und zu kommunizieren. Dafür bedarf es einer sehr offenen Kultur im Unternehmen und die Sicherheit, dass keine disziplinarischen Massnahmen aus der Meldung entstehen. Darüber hinaus braucht es aber auch Persönlichkeiten, die eben nicht dem Macho-Klischee entsprechen. Die allermeisten Kollegen haben viel- mehr selbst als oberstes Ziel, sich stetig weiter zu entwickeln und eben zu verbessern.

Debriefing zur nachhaltigen Verbesserung der Sicherheitskultur

Neben Reporting und diversen anderen Systemen kommen dabei auch sehr erfolgreich Debriefings – übrigens der Kernpunkt 8 des #clearedtoland-Erfolgsprinzips – zum Einsatz. Ausdrücklich sind dabei die Hierarchi- en nahezu aufgehoben. Persönliche Befindlichkeiten oder Eitelkeiten haben keinen Platz, dafür aber ein echter Austausch von Erlebtem. Position oder Erfahrung werden hier vernachlässigt; im Gegenteil, es wird eine Kultur gefördert, wo auch das jüngste Besatzungsmitglied dem erfahrensten Kapitän ein Feedback geben darf und soll.

Nach der Krise ist vor der Krise

Was hat das mit dem Recovery aus Krisensituationen zu tun? In Unternehmen mit ähnlicher Kultur und Arbeitsweise würde man einen steten Verbesserungsprozess erkennen. Ich erlebe als Beraterin aber im- mer wieder, wie sehr die Aufarbeitung einer Krise vernachlässigt wird. Die oberste Führungsebene zieht sich sehr oft mit ver- meintlichem Ende der Akutsituation zurück und überlässt den Mitarbeitern dabei sowohl die Rückkehr in die alte (oder wie jetzt «neue») Normalität, als auch die Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten. Leider ist aber nach der Krise immer auch vor der Krise. Unternehmen, die es schaffen, mittels Analyse und Debriefing Punkte mit Verbesserungspotenzial (also ihre lesson learnt) zu identifizieren und ins Unternehmen einfliessen zu lassen, werden die Situation beim nächsten Mal besser bewältigen – denn die Frage ist nicht ob, sondern nur wann die nächste Krise kommt.